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gemeinsam – solidarisch – stark

Glaubenssätze auflösen und Selbstwert steigern

  • 16. Mai
  • 5 Min. Lesezeit

Nina Meier-Kollros ist Inhaberin der NMK - Praxis für Psychosoziale Beratung. Am "Tag der Frau" hat sie uns viele wertvolle Inputs mitgegeben und aufgezeigt, wie Verhaltensmuster durchbrochen werden können. Nun teilt sie diese und weitere Tipps zum Thema Selbstwert in diesem Blog mit uns.


Nina Meier-Kollross an einem Seminar
Nina Meier-Kollross zeigt an einem Workshop auf, wie Verhaltensmuster aufgelöst werden können.

Es gibt diese Momente. Du bist erwachsen, reflektiert, hast Bücher gelesen, Podcasts gehört, vielleicht sogar schon Therapie gemacht – und trotzdem reagierst du in bestimmten Situationen, als wärst du wieder zwölf. Jemand kritisiert dich – und zack: innerer Absturz. Jemand meldet sich nicht zurück – und du fragst dich plötzlich, ob du zu viel bist. Jemand ist emotional distanziert – und du wirst noch bemühter. Rational betrachtet: unlogisch. Emotional erlebt: absolut wahr. Willkommen im System deiner Prägungen.

Und falls du dich jetzt kurz fragst, ob das ein persönliches Versagen ist: leider nein. Es wäre fast beruhigend, wenn es so einfach wäre. Dann könnte man es mit ein bisschen Disziplin lösen, zwei guten Vorsätzen und einem motivierenden Zitat am Badezimmerspiegel. Leider (oder zum Glück) ist es ein bisschen komplexer.


Das Problem ist nicht dein Verhalten. Es ist seine Herkunft.

Die meisten Menschen versuchen, ihr Verhalten direkt zu verändern. Mehr Selbstbewusstsein. Mehr Abgrenzung. Mehr „Ich bleib jetzt bei mir“. Klingt gut, funktioniert jedoch mässig.

Warum? Weil Verhalten die Spitze des Eisbergs ist. Darunter liegt das, was wir selten bewusst anschauen: unsere inneren Muster. Und diese sind erstaunlich loyal – nicht zu deinem heutigen Leben, sondern zu deiner Vergangenheit.

Das bedeutet ganz konkret: Du kannst dir morgens noch so überzeugt vornehmen, heute souverän zu bleiben – wenn dein System sich mittags getriggert fühlt, übernimmt etwas anderes das Steuer. Etwas Schnelleres. Etwas Älteres. Und dieses Etwas interessiert sich herzlich wenig für deine guten Vorsätze.


Prägungen: Die unsichtbare Bedienungsanleitung

Jeder Mensch wächst mit bestimmten Erfahrungen auf. Manche sind offensichtlich prägend (z. B. Kritik, Ablehnung, Überforderung). Andere sind subtiler:

  • Liebe gab es nur, wenn du angepasst warst.

  • Nähe war unberechenbar.

  • Bedürfnisse waren „zu viel“.

  • Leistung wurde über Wert gestellt.

Das Problem: Kinder ziehen daraus keine differenzierten Schlüsse. Sie denken nicht: „Ah, meine Bezugsperson ist emotional überfordert.“ Sie denken: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ Und genau hier entsteht Selbstwert. Nicht als bewusste Entscheidung, sondern als logische Konsequenz früher Erfahrungen.

Und jetzt kommt der eigentlich spannende Teil: Diese Überzeugungen verschwinden nicht einfach, nur weil du älter wirst. Sie laufen im Hintergrund weiter. Leise, effizient und erstaunlich überzeugend. Sie tauchen nicht als klare Gedanken auf, sondern als Gefühl. Als dieses diffuse „Irgendwas stimmt nicht mit mir“, das sich in bestimmten Situationen plötzlich wieder meldet, als hätte jemand einen alten Film eingelegt.


Warum dein System Recht behalten will

Jetzt wird es interessant.

Dein Gehirn liebt Konsistenz. Es möchte, dass dein Weltbild stabil bleibt auch wenn es dich unglücklich macht. Wenn du also früh gelernt hast: „Ich bin nicht wichtig“, „Ich muss mich anpassen, um geliebt zu werden“, „Nähe ist unsicher“ -dann sucht dein System später genau die Situationen, die das bestätigen. Nicht bewusst. Sondern effizient.

Du fühlst dich zu Menschen hingezogen, die emotional schwer erreichbar sind. Du zweifelst an dir, wenn jemand distanziert ist. Du gibst mehr, als dir guttut – und wunderst dich, warum es nicht reicht.

Das ist kein Zufall. Das ist Musterlogik. Und das Perfide daran: Das Vertraute fühlt sich oft „richtig“ an – selbst wenn es dir schadet. Und das Gesunde fühlt sich anfangs eher… seltsam an. Fast ein bisschen langweilig. Oder ungewohnt ruhig. Kein Drama, kein Ziehen, kein inneres Achterbahnfahren. Und dein System denkt sich: "Hm. Komisch. Kenn ich nicht. Kann nicht gut sein."


Selbstwert ist kein Gefühl. Er ist eine Entscheidungsebene.

Viele glauben, Selbstwert bedeutet, sich gut zu fühlen. Das ist nett, aber unpräzise. Selbstwert zeigt sich vor allem dann, wenn du dich nicht gut fühlst.

  • Wenn du dich nicht meldest, obwohl du unsicher bist.

  • Wenn du eine Grenze setzt, obwohl du Angst hast, abgelehnt zu werden.

  • Wenn du dich nicht kleiner machst, um es anderen leichter zu machen.

Selbstwert ist die Fähigkeit, dich selbst ernst zu nehmen – auch gegen alte Programme. Und genau deshalb fühlt sich das am Anfang oft nicht nach Stärke an, sondern eher nach innerem Chaos. Ein Teil von dir klopft dir auf die Schulter, der andere schreit: „Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist?“. Willkommen im Umbauprozess.


Der Klassiker: „Ich weiss das doch alles schon“

Ein Satz, den ich oft höre. Und ja: Viele Menschen verstehen ihre Muster kognitiv sehr gut. Aber Erkenntnis allein verändert nichts. Warum?

Weil Prägungen nicht auf der Verstandesebene entstanden sind, sondern auf der emotionalen. Das bedeutet: Du kannst wissen, dass du genug bist und dich trotzdem nicht so fühlen. Beides kann gleichzeitig existieren.

Und ehrlich gesagt: Genau das ist oft der Punkt, an dem es wirklich spannend wird. Wenn dein Kopf längst weiter ist, dein Gefühl aber noch nicht mitgezogen hat. Das ist kein Rückschritt. Das ist der Teil, indem Entwicklung tatsächlich stattfindet.


Was Veränderung wirklich bedeutet

Veränderung ist weniger glamourös, als viele hoffen. Es geht nicht darum, plötzlich „geheilt“ zu sein. Es geht darum, neue Erfahrungen zu machen – wieder und wieder.

Zum Beispiel:

  • Du bleibst bei dir, obwohl dein System sagt: „Pass dich an“.

  • Du hältst Unsicherheit aus, ohne sofort zu reagieren.

  • Du erkennst: „Das ist ein altes Gefühl – keine aktuelle Wahrheit“.

Mit der Zeit passiert etwas Entscheidendes: Dein System lernt um. Nicht durch Einsicht. Sondern durch Erfahrung. Und manchmal sieht das von aussen unspektakulär aus. Du antwortest später. Du erklärst dich weniger. Du hältst einen Moment länger inne. Kein grosses Drama, kein heroischer Wandel – und trotzdem passiert innerlich etwas Entscheidendes: Du steigst aus dem Autopiloten aus.


Der unbequeme Teil (den niemand so gerne hört)

Person in zerbrochenem Spiegel
Die innere Dynamik zwischen alten Prägungen und dem erwachsenen Selbst.

Du kannst deine Prägungen nicht einfach „loslassen“. Sie waren einmal sinnvoll. Sie haben dir geholfen, dich anzupassen, zu überleben, dazuzugehören. Deshalb halten sie sich so hartnäckig.

Was du aber kannst: Sie erkennen. Sie verstehen. Und dich bewusst anders entscheiden. Immer wieder. Nicht perfekt. Nicht linear. Aber ehrlich genug, um dich selbst dabei nicht mehr ständig zu verlieren.


Und jetzt?

Vielleicht erkennst du dich in manchen Punkten wieder. Vielleicht auch nicht – dann lies es in drei Wochen nochmal. Die entscheidende Frage ist hier nicht: „Warum bin ich so?“. Sondern: „Was davon gehört wirklich noch zu mir – und was ist einfach nur alt?“ Denn genau dort beginnt echte Veränderung. Nicht im Perfektionieren deiner Strategien. Sondern im ehrlichen Hinschauen auf das, was dich bisher gesteuert hat.

Und ja – das braucht Mut. Aber es lohnt sich. Nicht, weil du dann ein „besserer Mensch“ bist. Sondern weil du mehr du selbst wirst. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem es sich plötzlich nicht mehr nach Arbeit anfühlt, sondern nach etwas viel Ruhigerem: nach dir.

Wenn du dich in diesen Dynamiken wiedererkennst und tiefer verstehen möchtest, wie deine eigenen Prägungen wirken und wie du deinen Selbstwert nachhaltig stärken kannst, findest du weitere Informationen unter: www.praxis-nmk.com.


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